„Unable are the Loved to die For Love is Immortality.“
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„Unable are the Loved to die For Love is Immortality.“

„Unable are the Loved to die For Love is Immortality.“

Ein Nachruf auf Königin Elizabeth II. aus gegebenem Anlass.

von Patrick Charell

Am 8. September 2022 schloss Elizabeth Alexandra Mary Windsor, Königin von Großbritannien und Nordirland, Staatsoberhaupt von 32 Ländern, Verteidigerin der Anglikanischen Kirche, auf Schloss Balmoral die Augen und starb. Wenige Wochen zuvor hatte die Nation ihr Platin-Jubiläum gefeiert, begleitet von Medien aus aller Welt. 70 Jahre und 214 Tage saß Queen Elizabeth II. auf dem Thron, ein Rekord im Vereinigten Königreich.

Gerade für die besonders anglophile Deutsche Sherlock-Holmes-Gesellschaft ist es ein Moment, um innezuhalten. Denn sehr vieles ist in den letzten Jahren geschehen, was unsere besondere Beziehung zur britischen Kultur erschüttert, das Gefühl von intimer Vertrautheit und Bewunderung zerstört hat. Der Tod der Königin scheint da nur ein Fanal zu sein.

Denn in Elizabeth II. verbanden sich – gemäß der mittelalterlichen Zweikörperlehre – das menschliche und das institutionelle Wesen der Monarchie zu einem machtvollen Bild, dass zur Pop-Ikone wurde und eine ganze Ära prägte. Nur zwei weiteren englischen Herrschern, beides Frauen, gelang etwas Vergleichbares: Elizabeth I. hatte ihr Land in die Neuzeit geführt und die Welt für England geöffnet. Viktoria hingegen begleitete durch ihre schiere Langlebigkeit eine der innovativsten Epochen der Menschheitsgeschichte und repräsentiert das britische Empire in seiner Blütezeit.


Als Elisabeth im Jahr 1926 geboren wurde, bedeckte dieses Weltreich mehr als 35 Millionen Quadratkilometer. In London wurde über das Schicksal von 23 % der Menschheit entschieden. Dennoch trug es den Keim des Untergangs in sich: Noch vor Elizabeths Krönung am 2. Juni 1953 hatten sich Irland, Kanada, Australien und Neuseeland von Großbritannien losgesagt, der indische Subkontinent war verloren und in rivalisierende Nationen zerbrochen. In den ersten zwei Jahrzehnten ihrer Herrschaft musste Elisabeth II. mehr oder weniger den ganzen Rest des Empires abwickeln. Die Rückgabe Hong Kongs an die Volksrepublik China setzte im Jahr 1997 das Fanal zu einer post-britischen Weltordnung. Das „Commonwealth of Nations“, eine lose Föderation der meisten ehemaligen Kolonialvölker unter dem Vorsitz der Krone, funktionierte bislang vor allem durch die starke Persönlichkeit der Queen. Bereits in den späten 1950er Jahren legte sie großen Wert auf die Gleichwertigkeit aller Kulturen und saß mit farbigen Politikern öffentlich an einem Tisch – damals keine Selbstverständlichkeit. Aktuelle Rassismusvorwürfe sind daher gerade ihr gegenüber besonders infam.

Elisabeth II. war daher in erster Linie die Königin einer umfassenden sozialen und wirtschaftlichen Transformation. Ihre Krönungszeremonie gilt als mediale Sensation, auch weil erstmals das Fernsehen live dabei war. Fast hätte es die berühmte Übertragung gar nicht gegeben: Erzbischof Geoffrey Fisher von Canterbury, der die Zeremonie leitete, nannte diese „massenproduzierte Form der Unterhaltung eine der größten Gefahren für die Welt“. Aber der Druck aus der Bevölkerung war zu groß, und so lenkten Hof und Kirche am Ende ein. Dieser Schritt war ein Initial: Unter Elizabeth II. entwickelte sich „the Firm“, wie sie später mit einem gehörigen Sinn für Realismus die engere Königliche Familie nannte, zu einem professionellem Medienunternehmen. Heute ist das Haus Mountbatton-Windsor auf Facebook, Twitter, Instagram und einer eigenen Webseite präsent, es vertreibt Produktlinien und verkauft Lizenzen.

Als sie mit Prinzgemahl Phillip im Jahr 1965 Westdeutschland besuchte, ganze elf Tage lang, war es für die Deutschen ein wichtiger Schritt hin zur Versöhnung. Was nur wenige wissen: Dieser Besuch ging vor allem vom deutschstämmigen Haus Mountbatton-Windsor aus (eigentlich Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg-Sachsen-Coburg-Gotha), nicht von der Downing Street.

In den 1960er und 1970er-Jahren stand das Label „Made in Britain“ für Qualität und Eleganz, Weltläufigkeit und Coolness. Die Carnaby Street in London war das Mekka der Modewelt. Mary Quants Minirock, die Beatles, die Rolling Stones, Freddy Mercury, die James Bond-Filme, Vintage-Schick und Monthy Python sind einige Schlagwörter aus dieser verrückten und bunten Zeit. Auch dafür steht das Gesicht der Königin, das endgültig zu einer Pop-Ikone wurde, von Andy Warhol in Szene gesetzt, auf unzähligen Souvenirs und Talmi abgedruckt. Die Queen blieb für siebzig Jahre, drei Generationen lang, ein Fels in der Brandung. Etwas respektlos formuliert: Die Queen war wie ein altes Möbelstück, das immer schon zur Familie gehört hat und daher alle nostalgische Sentimentalität auf sich vereinte.

Eine weitere Neuerung unter ihrer Ägide: Ab 1971 ersetzte das (napoleonische!) Dezimalsystem die althergebrachten Rechenfüße des Landes. Halfpennies und Shilling, Crown und Farthings verschwanden zugunsten neuer Geldscheine und Münzen, die jedoch wie gehabt das Porträt der Königin zeigten. Das mag den Übergang für sehr viele erleichtert haben. Auch hier steht ihr Gesicht also für Wandel und die Hinwendung zum europäischen Nachbarn. Am 1. Januar 1973 trat Großbritannien der Europäischen Union bei. 2014 stimmte das Volk, verblendet durch Demagogen und eine jahrzehntelange Fehlinformation der Murdoch-Presse, mehrheitlich für den Austritt. Elizabeth II. hatte 15 PremierministerInnen kommen und gehen sehen. Jetzt blieb sie stumm.

Und dies ist vielleicht die eine große Kritik, die man der Queen stellen muss: Jahrzehntelang blieb sie passiv, oft entgegen ihrer Überzeugung, oft auch gegen besseres Wissen. Gewiss, das parlamentarische System erlaubt den Königen von Großbritannien keine direkte Teilhabe an der Macht. Doch das Wort des Monarchen wiegt schwer, wenn es offen ausgesprochen wird. Die Pflicht des Königtums verlangt an sich auch, dieses Gewicht zum Wohle des Volkes in die Schale zu werfen. Das hat Charles III. bereits als Kronprinz getan, für den Umweltschutz, den Erhalt der Artenvielfalt, für soziale Projekte und lebenswerte Städte. Elisabeth II. hingegen hat als lebendes Denkmal ihrer selbst den Brexit kommentarlos geschehen lassen. Ihre auch jetzt noch viel gelobte, unbedingte Unparteilichkeit könnte auf lange Sicht zum Totengräber der Krone werden.

Es bleibt, Ihre Bedeutung als Mensch zu würdigen. Zeitlebens blieb die Queen integer und persönlich ohne jeden Skandal. Ihre Kinder und Enkel mochten moralisch scheitern, sie selbst lebte die altenglischen Ideale von Pflichterfüllung, Zurückhaltung und Familie. Sie blieb ohne Allüren, lebte innerhalb des geerbten Pomps der Paläste ein relativ normales Leben: Gerüchteweise bevorzugte sie Toast mit Marmelade zum Frühstück und Aufgewärmtes aus der Tupperdose zum abendlichen Fernsehkrimi. Über 400 Termine im Jahr absolvierte sie mit eiserner Disziplin. Ihr Interesse an zahllosen Vereinen und karitativen Organisationen war genauso echt wie die Vorliebe für Rennpferde und ein gutes Glas Gin & Dubonnet. Berühmt ist ihr Sinn für Humor sowie eine leise Exzentrik, die zum britischen Wesen einfach dazugehört – angeblich verschenkte sie im engsten Familienkreis aus Prinzip nur Scherzartikel.

Was sind die Zukunftsaussichten der Monarchie? Ist mit Elisabeth der Ewigen auch die Seele des Königtums gestorben? Nein, nochmals nein. Das britische Königtum ist das Fundament des Vereinigten Königreiches. Selbst wenn Schottland mit einem neuen Referendum wieder zu einer unabhängigen Nation würde (und bislang war die Queen das wichtigste einigende Band), so änderte es nichts an der grundliegenden Tatsache: Elisabeth, eine 96-jährige Urgroßmutter, schlief friedlich ein. Doch die Krone ist unsterblich, sie ist das Land und die Nation, der Quell von allem, was die Identität, die Eigenart und Kultur Großbritanniens ausmacht. Sie kann nicht sterben.

In diesem Sinne erhebe ich mein Glas auf das Andenken an Königin Elizabeth II. Sie war eine wahrhaft epochale Jahrhundertgestalt und ein großartiger Mensch. Gleichzeitig trinke ich auf das Wohl von Charles III. Möge er lange und gut herrschen.