Neues aus dem Dryas-Verlag
Die Deutsche Sherlock-Holmes-Gesellschaft für Fans des Detektivs aus der Baker Street und des viktorianischen Zeitalters!
Sherlock Holmes, Dr. Watson, Deutschland, Gesellschaft, Sherlockianer, Holmesianer, Magazin, Zeitung, Fanclub, Shop, SherloCON, Veranstaltung, Convention, Baker Street, 221b, London
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Krimis, die sich Sherlock Holmes ins Regal gestellt hätte

Neues aus dem Dryas-Verlag

Neues aus dem Dryas-Verlag

Ein Gastbeitrag des Dryas-Verlags

Stellen Sie sich vor, es ist 1844 und Sie werden zu einem Tatort gerufen.
Polizeischuhe gibt es zu dieser Zeit nur in genau zwei Größen, Ihnen passen sie natürlich nicht und das Regenwasser steht Ihnen zwischen den steifen Zehen. Unter Ihrem schweren Polizeihut, den man in der Klatschpresse als „chimney pot“ verschreit, steht Ihnen der Schweiß und dennoch frieren Sie im kalten, dichten London Fog. Es stinkt in den Straßen nach Schwefeldioxid aus den mit Kohleheizungen gewärmten Häusern. Schemenhafte Gestalten tauchen hier und da für einen Augenblick auf und von überall her drängen Geräusche, deren Ursprung Sie im dichten Dunst nicht ausmachen können.
Ist es nur das Rauschen des Regens auf der Themse? Oder das Flattern der Gesuchten-Plakate im Wind? Oder sind es doch Schritte hinter Ihnen?
Horrorfilme wurden erst 100 Jahre später erfunden, also bleiben Sie ruhig und untersuchen den Toten vor sich mit Bedacht und unaufgeregter Gründlichkeit. Fehler erlauben können Sie sich nicht, gibt es doch DNA-Analysen und moderne Forensik noch nicht. Es gibt nur Sie und Ihren gesunden Menschenverstand. 

Was für ein Auftakt für einen Krimi, oder?

Noch ist nichts passiert und doch stellen sich den geneigten Leser:innen die Nackenhaare auf. Kaum ein Setting ist so dankbar für klassische Krimis und wohlige Schauerliteratur, wie das viktorianische England. Natürlich konnte ich da nicht widerstehen und habe einen meiner Verlagsschwerpunkte bei Dryas dem viktorianischen Zeitalter gewidmet, vor allem Krimis im Stile des weltberühmten viktorianischen Schriftstellers und „Vaters“ von Sherlock Holmes, Arthur Conan Doyle, oder der zeitgenössischen Victorian-Era-Schriftstellerin Anne Perry, aber auch von großen „British Crime Ladies“, wie Agatha Christie und Dorothy L. Sayers – getreu dem Motto „Krimis, die sich Sherlock Holmes ins Regal gestellt hätte“.

Sandra Thoms

Unsere Romane erzählen spannende Geschichten von Revolution, Liebe und Entdeckungen – insbesondere, da das 19. Jahrhundert als die Zeit gilt, die unsere Moderne einläutete, in der die Industrialisierung Einzug hielt, Tabus aufgehoben wurden und eine neue Sicht auf die Welt ihren Anfang nahm – nicht ohne einige Reibereien natürlich. Das Ungetüm des Kolonialismus bestimmte seit Jahrhunderten die Strukturen der Welt, die Frauenbewegung befand sich unter dem Daumen wütender, reicher Männer und die britische Krone, nicht der Demos, war die Supermacht schlechthin. Im Ergebnis finden wir – gerade in der damals größten Stadt der Welt London – eine mit tiefen Rissen durchsetzte Gesellschaft vor, in der Gentlemen in teuren Smokings auf der Straße hungernden Kindern begegneten, nie geglaubter technischer Fortschritt nie gewesene Umweltverschmutzung brachte und neben Werbeplakaten für Frauen-, Arbeits- oder Kinderrechte auch Plakate für Freakshows hingen.

Und gerade dieser Umbruch ist es, der nach meiner Meinung so viel Raum für spannende und vor allem lehrreiche Geschichten gibt. Umso stolzer bin ich, dass die Autor:innen des Dryas-Verlags so viel Wert auf Authentizität legen.

Mein Lieblingsbeispiel ist unser Autor Robert C. Marley. Wer könnte besser geeignet sein, eine viktorianische Krimireihe zu schreiben, als jemand, der ein eigenes Kriminalmuseum hat? In dessen Fundus der Handschuh des letzten Henkers von London liegt und der sich Jahre seines Lebens mit Jack the Ripper auseinandergesetzt hat? An der viktorianischen Ära gibt es so viele unendlich spannende Aspekte, dass man kaum alles unterbringen kann, doch ihm gelingt dieser Spagat ganz hervorragend. Auch wenn er behauptet, sein thematischer Schwerpunkt läge auf der Geschichte der Kriminalistik, sehe ich hier doch noch etwas mehr. Natürlich gibt er Einblick in die damaligen Strukturen von Scotland Yard und den Stand der Kriminaltechnik, seien es die zarten Anfänge der Fingerabdruck- und der Blutspurenanalyse bzw. generell dem Umgang mit Indizien am Tatort und darüber hinaus. Robert C. Marley schafft aber noch mehr als das, er erweckt reale historische Personen zum Leben. Inspector Swanson hat es gegeben und auch die Handlungsorte und einige Nebenfiguren sind authentisch, darunter auch der weltberühmte Oscar Wilde, dessen Bonmots und Aphorismen nicht einfach nur zitiert werden, sondern in den Dialog fließen. Da die Reihe chronologisch aufgebaut ist, scheidet Oscar allerdings nach sieben Bänden aus. Im aktuellen achten Band ermitteln aber H. G. Wells und Arthur Conan Doyle höchstpersönlich mit. Man kann diese Reihe nicht lesen, ohne zu lernen!

Autor Robert C. Marley
Autorin Philea Baker

Bei unserer Autorin Philea Baker liegt der Fokus ganz klar auf dem Themengebiet Frauenbewegung. Ihre Heldin lehnt sich gegen das für sie gewählte Schicksal auf, mischt sich als begabte Ermittlerin in festgefahrene Fälle ein und verwirklicht schließlich ihren Traum vom Medizinstudium – in New York. Wichtige historische Persönlichkeiten der Frauenbewegung, aber auch deren Gegner:innen treten in den Büchern auf. Wussten Sie, dass es einen Anthony Comstock gab, seines Zeichens Gründer der Gesellschaft zur Unterdrückung des Lasters und oberster Postinspektor, der (des Freidenkens) verdächtige Briefe einfach öffnen und zurückhalten ließ? Und dass die erste US-Präsidentschaftsanwärterin Victoria Woodhull für die freie Liebe kämpfte? Stellen Sie sich einen Krimi vor, in dem die beiden aufeinandertreffen und freuen Sie sich schonmal auf diesen Herbst, wenn „Gegen die guten Sitten“ erscheint.

Da ich gerade über unser Herbstprogramm spreche: Unsere Autorin Rebecca Michéle kennt man ja bisher von zeitgenössischer Cosy Crime, die im Higher Barton Romantic Hotel in Cornwall spielt. Ihre zweite konsekutive Cornwall-Reihe mit Hotelmanagerin Sandra Fleming – zuvor war es deren Vorgängerin Mabel Clarence – wird in diesem Herbst zum Abschluss kommen, denn Rebecca schreibt gerade an einem viktorianischen Prequel. Wie sie im letzten Fleming-Band den Übergang findet, finde ich übrigens besonders gelungen. Hotelmanagerin Sandra Fleming hat nämlich besondere Gäste geladen: Geisterjäger. Mit technischen Geräten möchten die Besucher der Vergangenheit des alten Hauses und einem Mordfall aus dem 19. Jahrhundert auf die Spur kommen. Chapeau, Rebecca!

Autorin Rebecca Michéle
Autorin Jessica Müller

Von Geistern zu Hellseherinnen: Unsere Autorin Jessica Müller hat ihre Hauptfigur Charlotte von Winterberg in ihrem zuletzt veröffentlichten Krimi „Tod in der Glaskugel“ den Mord an einem Medium untersuchen lassen. Die gute Madame Blanche hatte so einige Begabungen, leider fiel darunter auch, die glamouröse Upper Class an der gutgläubigen Nase herumzuführen. Falls der Sinn einmal nach originellen Fällen steht, in denen hinter die Fassade der reichen und schönen Viktorianer:innen geblickt wird, wissen Sie nun Bescheid.

Wie man sieht ist Kriminalliteratur – und ja, auch Cosy Crime – spannend und lehrreich! Krimis werden viel zu oft als bloße Unterhaltungsliteratur abgestempelt, aber unsere Autor:innen beweisen, dass man so viel mehr als unterhalten kann, wenn man sich der historischen Tatsachen und spannenden Eigenarten der viktorianischen Epoche besinnt. Mein Credo kommt daher nicht von ungefähr: Lieber Barfuß, als ohne Buch! Und das Buch muss auch unbedingt immer wieder ein Krimi sein!

Zum Abschluss sei mir ein kleiner Abstecher in die Gegenwart bitte noch gegönnt. Die viktorianische Zeit hallt, wie ich schon schrieb, noch lange nach. Auch in der Literatur ist das durchaus der Fall. Originelle Figuren, beobachtungsbegabte Privatermittler, spannende Whodunnit-Szenarien, all das würde es heute nicht in der Form geben, hätte es nicht Autor:innen, wie Arthur Conan Doyle oder Agatha Christie gegeben. Die zehn Regeln des Detection Club gelten auch heute einigen Autor:innen als die sprichwörtlichen zehn Gebote des Krimischreibens. Wenn man sich mit deren Ursprüngen befassen will, kommt man nicht umhin, viktorianische Krimis zu lesen und zu lieben. Ich wiederhole gern nochmal meine Aussage von oben: man kann diese Bücher nicht lesen, ohne zu lernen!

Weitere Informationen zum Verlagsprogramm finden Sie unter https://bedey-thoms.de/pages/dryas-verlag