
Eine Frau, die nicht vergessen werden soll
20/10/2026
Holmes & Watson – Wer hat Angst vor’m schwarzen Hund?
26/10/2026Ein unvergesslicher Abend im Nebel von London
Sherlock Holmes als Krimikomödie in Erfurt!
von Stephan Wailersbacher

Sherlock Holmes, eine Kriminalkomödie nach Erzählungen von Sir Arthur Conan Doyle; mehr war von dem Theaterstück, das dieses Jahr in der historischen Langhausruine der Barfüßerkirche zu Erfurt von der SommerKomödie Erfurt (Soko Erfurt) im Rahmen des Theatersommers aufgeführt wurde, nicht zu erfahren.
Als bekennender Sherlockianer und als Doktor Watson der Deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft gestehe ich gern, dass ich mittlerweile selten unvoreingenommen in Sherlock-Holmes-Adaptionen gehe. Ich habe über die Jahre mit anderen Mitgliedern der DSHG so manche Inkarnation des Meisterdetektives gesehen, gute wie schlechte. 2025 eine der letzteren Kategorien, dazu eine kleine Anmerkung am Ende dieser Rezension.
Bis ich mich also entschieden hatte, nach Erfurt zu dem Theaterstück zu fahren, musste ich mit Schrecken feststellen, dass die Wochenendtermine restlos ausverkauft waren. Das Interesse war so gewaltig, dass das Stück in kürzester Zeit bis zum Ende der Spielzeit Ende August komplett ausverkauft war. Der Ticketansturm war sogar so groß, dass die zwei Zusatztermine in kürzester Zeit ausgebucht waren. Als ich dann Ende August einen Anruf von einer Freundin aus dem Erfurter Stadtmarketing erhielt, mit der Frage, wie spontan ich wäre, konnte meine Antwort nur lauten – sehr spontan –, denn dank eines echten Glücksgriffs bei den Rückläufern ergab sich für mich noch die Chance, dabei sein zu können. So hatte ich nur 4 Tage Zeit, mir ein Hotelzimmer zu suchen, und was soll ich sagen, es hat sich mehr als gelohnt!
Bereits vor dem eigentlichen „Vorhang“ wurde mein Fan-Herz höherschlagen gelassen: Ich hatte die Gelegenheit, die Hauptdarsteller Denis Geyersbach (Sherlock Holmes) und Lorenz Liebold (Doktor Watson) vor ihrem Auftritt noch zu einem kurzen Gespräch zu treffen und sie über ihre Erfahrungen mit Sherlock Holmes und dem Theaterstück zu befragen.
Bei meiner ersten Frage an die beiden Darsteller wollte ich wissen, ob sie im Vorfeld schon Kontakt mit der Welt von Sherlock Holmes hatten. Denis Geyersbach bestätigte mir dann auch, dass er früher die alten Hörbücher auf LP hatte und er natürlich die Kinofilme von Guy Ritchie und die Serie „Elementary“ kennen würde. Lorenz Liebold dagegen hatte im Vorfeld noch keinen Kontakt zu Sherlock Holmes. Es ließ sich auch nicht erfahren, um was es in dem Stück gehen würde; nur soviel, dass es sich um keine Geschichte aus dem Kanon handeln würde, sondern dass man sich verschiedene Elemente aus diesem ausgesucht hätte. Eine weitere Frage an Denis war, ob es schwieriger war, Sherlock Holmes ernsthafter oder komödiantischer darzustellen. Die Antwort von ihm lautete, dass er versucht habe, den Humor ganz fein und dezent darzustellen, um nicht Sherlock Holmes ins Lächerliche ziehen zu lassen. Bei weiteren Fragen stellte sich weiter heraus, dass diese Watson als „Prellbock“ zu Sherlock Holmes sehen, d. h., dass Watson Holmes bei seinen Ermittlungen wieder erden und Sherlock Holmes während des Stückes eine Entwicklung durchlaufen würde.
Hier nun meine Meinung zu diesem Stück. Die Produktion „Sherlock Holmes“ war zweifelsohne eines der absoluten Kultur-Highlights des Erfurter Sommers 2026. Den Regisseuren Markus Fennert und Fabian Hagedorn ist das Kunststück gelungen, den ikonischen Stoff von Sir Arthur Conan Doyle in ein erfrischendes, temporeiches und mit Witz versehendes Theaterstück zu verwandeln, das in der Mitte des Stückes dann noch eine überraschende Wende erfährt.
Schon vor dem eigentlichen Beginn entfaltet der Spielort seine ganz eigene Magie. Die ehrwürdigen, geschichtsträchtigen Mauern der Ruine der Barfüßerkirche bieten im sommerlichen Abendlicht die perfekte, fast schon unheimliche Kulisse und Atmosphäre für das viktorianische London. Die stimmungsvolle Beleuchtung und der Einsatz von modernem, aber stilvollem Retro-Videomapping, in Form von vier Bildschirmen, auf denen jeweils zur Szene passende bewegte Scherenschnitte projiziert wurden, haben das Publikum direkt in die nebligen Gassen Londons und der Baker Street versetzt.
Besonders beeindruckend fand ich, dass das Stück sich nicht steif an eine bekannte Romanvorlage klammert, sondern dass es Markus Fennert und Fabian Hagedorn gelungen ist, die verfasste Bühnenfassung zu einer komplett neuen, clever zusammen gewobenen Geschichte zusammenzufassen. Dazu bedienten sie sich einerseits verschiedener Elemente auf dem Kanon und andererseits ließen sie sich auch aus den cinematischen Produktionen aus Film und Fernsehen inspirieren. Dass Holmes zu Beginn in einer tiefen Sinnkrise steckt und sich weigert, Fälle anzunehmen, gibt den altbekannten Figuren eine wunderbare neue Dynamik und man bekommt mit, wie sich Holmes im Laufe des Stückes von einer Inselbegabung zu einem Mann wandelt, dem Gefühle doch nicht fremd zu sein scheinen. Dabei glänzt die Inszenierung durch ein rasantes Tempo, erstaunliche Wendungen und einen großartigen Sinn für Timing und Humor.
Aber all dies wäre nichts ohne das grandiose Zusammenspiel des gesamten Darstellerensembles. Denis Geyersbach fängt die exzentrische, neurotische Genialität von Holmes perfekt ein und verleiht ihm mit seinem dezenten Humor doch etwas Erfrischendes. Mein ganz persönliches Highlight war naturgemäß Lorenz Liebold als Doktor Watson. Endlich mal kein tölpelhafter Sidekick, sondern das willensstarke, geerdete und absolut loyale Gegenstück, das diese Dynamik braucht. Zusammen mit Maria-Elisabeth Wey als herrlich resolute Mrs. Hudson war das Trio auf der Bühne ein Fest. Die humorvollen Einfälle, die Pointen und die spürbare Spielfreude des gesamten Casts steckten mich, meine Begleitung und das restliche Publikum von der ersten Minute an.
Kommen wir nun zu meinem Fazit.
Kein Wunder, dass die Spielzeit restlos ausverkauft war! Die Soko Erfurt hat bewiesen, dass anspruchsvolles Krimi-Theater und lockere Sommerkomödie perfekt harmonieren können. Ein rundum gelungener Open-Air-Abend voller Witz, britischem Charme und atmosphärischer Dichte. Es ist eine Sache, die viktorianischen Originale von Sir Arthur Conan Doyle auswendig zu kennen, aber auf der anderen Seite eine völlig andere, diese Welt mit so viel frischem Wind, intelligentem Witz und tiefem Respekt vor dem Kanon neu zu erfinden. Eure Kriminalkomödie ist ein absoluter Geniestreich.
Vielen Dank an die SokuErfurt für diesen rundum gelungenen, humorvollen und atmosphärischen Abend. Ein absolutes Muss für jeden Detektiv-Fan!
P.S.
Ein absolutes Highlight wartete dann aber nach der Vorstellung: Ich durfte mich noch lange mit den Darstellern unterhalten. Bei spannenden Fachsimpeleien über Holmes-Adaptionen, Probengeheimnisse und den Spaß am Improvisieren verflog die Zeit im Nu.
Lichtbildliche Impressionen

© Stephan Wailersbacher



