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16/10/2026Eine Frau, die nicht vergessen werden soll
Gedenktafel für Margarethe Jacobi – die Pionierin der Holmes-Übersetzungen
von Jacqueline Meintzinger
„To Sherlock Holmes she is always THE woman…“ gemeint ist damit natürlich niemand anderes als Irene Adler aus SCAN. Doch was Irene Adler für Sherlock Holmes war, das ist Margarethe Jacobi für die deutschsprachigen Sherlockianer: DIE Frau, der wir die allerersten deutschen Übersetzungen des Canon verdanken.
Mit ihren Übersetzungen hat Jacobi dafür gesorgt, dass Sherlock Holmes auch in Deutschland Fuß fassen und eine literarische Heimat finden konnte.
Über ihr Leben und ihre Familie habe ich bereits im Baker Street Chronicle Nr. 50 vom Herbst 2023 berichtet. Zu diesem Zeitpunkt war eine Tafel im Treppenhaus der Wildbader Straße 16 in Stuttgart Bad Cannstatt, welche auf die Geschichte des Hauses hinwies, alles, was an Jacobi erinnerte.

© Studierendenwerk Stuttgart
Ihr Leben
Margarethe Jacobi wurde am 25. September 1840 in Königsberg (heute: Kaliningrad) geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Königsberg, Berlin und Gotha. Bis zum Tod ihres Vaters im Jahr 1851 schrieb sie unter seiner Anleitung Gedichte zu den Geburtstagen der Mutter. Bei ihrem Vater handelte es sich um Carl Gustav Jacob Jacobi, der nicht nur ein genialer Mathematiker war, sondern ebenfalls über eine außergewöhnliche Sprachbegabung verfügte. Doch auch Jacobis Mutter Marie war gut ausgebildet und für Fremdsprachen begabt. So erteilte sie als Witwe eine Zeit lang Englischunterricht, um die staatliche Unterstützung, die sie und ihre sieben unmündigen Kinder erhielten, etwas aufzubessern.
Sprache, Poesie und Literatur begleiteten Jacobi also schon von Kindesbeinen an. Nach der Schule ergriff Jacobi (wie auch ihre beiden Schwestern) einen Beruf im Erziehungsfach. Sie war als Hauslehrerin und Erzieherin in Gotha, Berlin, Schlesien und St. Petersburg tätig. Später war sie Mitleiterin eines Mädchen-Pensionats, das in Cannstatt von ihrer Mutter geführt wurde.
Die Erkrankung eines Bruders führte Jacobi, ihre Mutter und ihre beiden Schwestern im Jahr 1865 nach Cannstatt. Trotz Pflege durch seine weiblichen Angehörigen verstarb der Bruder noch im selben Jahr. Welche Gründe die Frauen dazu bewogen, in Cannstatt zu bleiben, sind unbekannt. Ein Grund dafür könnte in Cannstatt selbst gelegen haben. Die zu dieser Zeit noch eigenständige Stadt war ein beliebter Kurort mit zahlreichen Mädchen-Pensionaten und -Schulen, die den Töchtern vermutlich vielfältige und unter Umständen lukrative Möglichkeiten boten, ihre erzieherischen Berufe auszuüben.
Nach einigen Wohnungswechseln innerhalb Cannstatts zog die Familie 1885 ein allerletztes Mal um. Das neue Domizil war das Haus Nummer 16 in der Uhlandstraße (heute: Wildbader Straße).
Erst in Cannstatt, im Alter von 44 Jahren, wurde aus der Erzieherin und Hauslehrerin die Übersetzerin und Herausgeberin von vier Gedichtbänden, zu denen sie zwei eigene Gedichte beisteuerte. Jacobi übersetzte von 1884 bis zu ihrem Tod im Jahr 1910 aus den Sprachen Englisch, Französisch und Italienisch. Der größte Teil ihrer Übersetzungen entstand in dem Haus Nummer 16 – auch die allerersten deutschen Übersetzungen von Sherlock Holmes wurden hier angefertigt.
Jacobi starb am 09. März 1910 im Alter von 69 Jahren in diesem Haus.
Ihr Vermächtnis
In ihrem Testament hinterließ sie das Haus und den dazugehörenden Garten dem Württembergischen Lehrerinnenverein zur Einrichtung eines Erholungs- und Wohnheims, sowie Versammlungslokals für Lehrerinnen, das den Namen Jacobi-Heim tragen sollte. Der Verein trat das Erbe an und das Haus wurde im Sinne Jacobis genutzt und erhielt – wie von ihr gewünscht – den Namen Jacobi-Heim. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Jacobi-Heim in der Nacht vom 15. auf den 16. April 1943 bei einem Luftangriff mit einer Brandbombe komplett zerstört. Doch bereits 1949 wurde von der Lehrerinnenvereinigung Stuttgart der Wiederaufbau geplant. Der Neubau sollte erneut als Lehrerinnen-Wohnheim genutzt werden. 1954 wurde das Haus eröffnet – nun allerdings unter dem Namen Anna-Herrigel-Haus, die sich um den Wiederaufbau besonders verdient gemacht hatte.
Jacobi hat mit ihrem Vermächtnis den Grundstein gelegt für einen Ort an dem Frauen leben und arbeiten und zusammenkommen konnten und der bis heute – über 100 Jahre später – noch immer Bestand hat. Das Anna-Herrigel-Haus befindet sich mittlerweile im Besitz des Studierendenwerks Stuttgart. Es ist das einzige Wohnheim in Stuttgart, das ausschließlich weiblichen Studierenden vorbehalten ist.

© Jacqueline Meintzinger
Sherlock Holmes
Zwischen 1894 und 1902 übersetzte Margarethe Jacobi für den Robert Lutz Verlag Stuttgart die Romane „A Study in Scarlet“ und „The Sign of the Four“, sowie gemeinsam mit Louis Ottmann 20 Holmes-Kurzgeschichten ins Deutsche.
Diese Pionierarbeit wurde lange nicht gewürdigt und geriet im Laufe der Jahrzehnte in Vergessenheit.
Ich recherchiere seit Februar 2023 (mit Unterbrechungen) zu Margarethe Jacobi. Ihr Leben, sowie ihre Familiengeschichte faszinierten mich immer mehr und so fasste ich den Entschluss, dass sie nicht länger vergessen bleiben sollte.
Neben einem Zoom-Vortrag und dem o.g. Artikel im Baker Street Chronicle (beides Herbst 2023) erstellte ich im Januar 2024 die Wikipedia-Seite über Margarethe Jacobi.
Im selben Monat nahm ich Kontakt mit Pro Alt-Cannstatt e.V. auf, der sich in Bad Cannstatt um die Anbringung von Gedenktafeln kümmert und diese in den sogenannten „Historischen Pfad“ aufnimmt. Nachdem der Verein sehr positiv auf meine Anfrage reagiert hatte, wandte ich mich an das Studierendenwerk Stuttgart, das als Besitzer des Hauses sein Einverständnis geben musste.
Auch das Studierendenwerk war von der Idee sehr angetan und wollte nicht nur eine, sondern zwei Gedenktafeln an ihrem Haus anbringen lassen. Eine für Margarethe Jacobi und eine für Anna Herrigel. Die Enthüllungen sollten im Rahmen eines Festaktes stattfinden. Eine Zusage der DSHG zur Finanzierung der Gedenktafel erhielt ich ebenfalls zeitnah. Das Ziel schien in greifbarer Nähe zu sein.
Aus verschiedenen Gründen geriet das Projekt beim Studierendenwerk jedoch ins Stocken, aber ich blieb hartnäckig. Ende Juni gab es schließlich einen Ortstermin am Haus in der Wildbader Straße, an dem zwei Damen der Pressestelle des Studierendenwerks sowie Herr Schulze und Herr Busch von Pro Alt-Cannstatt und ich teilnahmen. Es wurden mögliche Termine und die Anbringung der Tafeln besprochen. Das Projekt nahm wieder an Fahrt auf.
Im September und Oktober 2026 gab es für mich deshalb kein anderes Thema mehr als Margarethe Jacobi.
Am 24. September sollte ich auf Anregung des Vereins Pro Alt-Cannstatt einen Vortrag über Sherlock Holmes und Margarethe Jacobi in der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt halten. Diesem Wunsch habe ich sehr gerne entsprochen.
Eine Stunde lang durfte ich vor knapp 40 Zuhörenden über die DSHG, Doyle, Holmes und natürlich Margarethe Jacobi sprechen. Es wurde aufmerksam gelauscht, gelacht, gefragt und applaudiert.
In den folgenden 10 Tagen bereitete ich meine Ansprache für den Festakt vor, denn am 06. Oktober 2026 war es endlich soweit: Margarethe Jacobi sollte mit einer Gedenktafel geehrt werden.
Die Presse war eingeladen – erschien aber leider nicht.
Der Stammtisch Schwaben, einige Interessierte des Vereins Pro Alt-Cannstatt und Vertreter*innen des Studierendenwerks trafen sich an dem sonnigen Dienstagvormittag um 10 Uhr vor dem Haus Nummer 16 in der Wildbader Straße. Insgesamt waren knapp 20 Personen anwesend und lauschten den Ansprachen, die trotz einiger Beeinträchtigungen (fließender Verkehr, Baustelle auf dem Nachbargrundstück) gut verständlich waren.
Der Geschäftsführer des Studierendenwerks, Herr Marco Abe, begrüßte die Anwesenden und erteilte mir das Wort. Ich gab einen kurzen Einblick in die Geschichte des Hauses, in Margarethe Jacobis Leben, und hob hervor, wie wichtig ihre Übersetzungen für die deutschsprachigen Sherlockianer waren und immer noch sind.
Hier der Schluss meiner Ansprache:
„Innen im Gebäude weist bereits eine Tafel die Bewohnerinnen auf die Geschichte des Hauses hin. Aber draußen, hier, im öffentlichen Raum, erinnert nichts mehr an die Frau, die hier gelebt und gearbeitet hat.
Das ändert sich heute.
Diese Gedenktafel ist mehr als ein Stück Metall an einer Hauswand.
Sie ist ein Zeichen dafür, dass Geschichte nicht nur aus großen Namen, großen Gebäuden und großen Ereignissen besteht.
Geschichte besteht auch aus Menschen, deren Arbeit lange selbstverständlich genommen wurde.
Aus Menschen, die Wissen und Literatur weitergaben, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen.
Aus Frauen, die ihren Lebensunterhalt selbst verdienten, obwohl die gesellschaftlichen Möglichkeiten für sie im 19. Jahrhundert begrenzt waren.
Margarethe Jacobi war eine solche Frau.
Ein Haus kann zerstört werden.
Eine Adresse kann geändert werden.
Ein Name kann in Vergessenheit geraten.
Aber eine Erinnerung kann zurückkehren.
Wenn wir heute diese Tafel enthüllen, erinnern wir uns an Margarethe Jacobi, an ihr Leben, an ihre Arbeit und an ihren Beitrag zur deutschen Sherlock-Holmes-Begeisterung.“
Im Anschluss daran informierte Herr Abe über Anna Herrigel und den Wiederaufbau des Hauses.
„Die Gedenktafel soll deshalb nicht nur an Anna Herrigel erinnern, sie soll auch sichtbar machen, dass die Geschichte dieses Hauses eine Geschichte von Kontinuität ist und von Frauen, die diesen Ort geprägt und erhalten haben.“
Der Vorsitzende von Pro Alt-Cannstatt, Herr Olaf Schulze, sprach über die Bedeutung des Hauses und der Frauen in Bad Cannstatt.
„Dieser Tag wird Wirkung haben (…) wir haben in den letzten Jahren immer mehr Frauenbiografien in den historischen Pfad mitaufgenommen. Es ist uns wichtig, dass immer mehr Frauengeschichte in den Gedenktafeln sichtbar gemacht wird.“
Bewegte Bilder zur Enthüllung
Quellen: Nils Tessmann, Helmut Stock und Mareike
Die Enthüllung der Tafel
Dann wurde es ernst – ich durfte gemeinsam mit Herrn Schulze die Tafel für Margarethe Jacobi enthüllen. Das war der Augenblick, auf den ich über drei Jahre hingearbeitet hatte. Zusammen mit Herrn Schulze zog ich an dem Tuch und enthüllte die Gedenktafel Nummer 107 mit der Margarethe Jacobi gewürdigt wird.
Es war für mich unglaublich aufregend und ich war auch sehr erleichtert, dass meine Initiative endlich Früchte getragen hatte.
Dies ist in Deutschland die erste Gedenktafel, die im Zusammenhang mit Arthur Conan Doyle und seinem Werk angebracht wurde. Zu diesem Anlass wurde eine gemeinsame Pressemitteilung von Pro Alt-Cannstatt e.V., dem Studierendenwerk Stuttgart und der Deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft veröffentlicht, die auf der Homepage des Studierendenwerks eingesehen werden kann.
Die Tafel für Jacobi wurde von der Deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft gestiftet. Da bislang leider noch kein Portrait der Übersetzerin ausfindig gemacht werden konnte, wurde eine Fotografie des Jacobi-Heims aus den 1930er Jahren auf der Tafel abgebildet.
Margarethe Jacobi
(1840 – 1910)
Hier stand bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg das Wohnhaus der Familie Jacobi, in dem Margarethe Jacobi von 1885 bis 1910 lebte. Die aus Königsberg stammende Übersetzerin übertrug zahlreiche Romane und Schriften der Weltliteratur (u.a. Mark Twain) ins Deutsche. Sie fertigte die ersten deutschen Übersetzungen der Sherlock-Holmes-Erzählungen von Arthur Conan Doyle an und legte damit den Grundstein für die Holmes-Begeisterung in Deutschland. Nach ihrem Tod diente das Haus unter dem Namen „Jacobi-Heim“ als Pension für Lehrerinnen.
Gestiftet von der Deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

© Jacqueline Meintzinger
Die Gedenktafel für Anna Herrigel mit der Nummer 108 wurde von Mitarbeiterinnen des Studierendenwerks enthüllt.
Nun kamen die Fotografen zu ihrem Recht und es wurde ausgiebig fotografiert und beide Tafeln gebührend bewundert. Im Garten des Hauses gab es Gelegenheit zum ungezwungenen Austausch mit allen Anwesenden und ich hatte dadurch die Möglichkeit, mich bei allen Beteiligten, die zum Erfolg des Projekts „Jacobi-Gedenktafel“ beigetragen hatten, persönlich zu bedanken.
Der kleine, aber für mich dennoch bedeutende, Festakt endete kurz vor der Mittagszeit. Der Stammtisch Schwaben nahm vorläufig Abschied von der Jacobi-Gedenktafel – zum Glück ist der Treffpunkt für unsere Stammtische nur eine Straßenbahnhaltestelle von der Wildbader Straße entfernt.
Die Gedenktafel wird dazu beitragen, die Erinnerung an Margarethe Jacobi lebendig zu halten, auf dass diese außergewöhnliche Frau hoffentlich nie wieder in Vergessenheit geraten wird.
Quellen
- Wikipedia-Eintrag zu Margarethe_Jacobi
- Webseite Pro Alt-Cannstatt
- Pro Alt-Cannstatt – Historischer Pfad
- Stadtbibliothek Stuttgart – Als Sherlock Holmes 1894 nach Deutschland kam
- Studierendenwerk Stuttgart – Pressemitteilung
- https://www.instagram.com/reels/DeMtfkaq-ol/
- https://www.instagram.com/p/DeNbye7iHuv/










