
Kurzgeschichten gesucht!
05/04/2026
Eine Sonntags-
matinee im Zeichen von Shylock Holmes und Christian von Aster
geschrieben von Uwe Rödel
Erlebnisbericht von Uwe Rödel, der als Repräsentant der Deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft anwesend war und mitwirken durfte.
Sherlockianischer Vormittag an der Leipziger Buchmesse
Der unter anderem, auch in Kreisen der Deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft sehr bekannte Christian von Aster (*22. Oktober 1973, Schriftsteller, Regisseur und Drehbuchautor) beabsichtigt in diesem Jahr den zweiten Teil seines Romans um den jüdischen Meisterdetektiv Shylock Holmes zu veröffentlichen. Nachdem das Erstlingswerk um den Protagonisten schon mit einer nicht unbedingt leichtflüssigen Werksbezeichnung gesegnet war, legt er jetzt noch einmal nach mit dem Titel „Die außerordentlich unwahrscheinliche Rückkehr des jüdischen Meisterdetektivs Shylock Holmes und seines Assistenten Dr. Wa’Tsun“.
Der Inhalt ist schnell erzählt:
"Es geht auch hier wieder um den über 94-jährigen Ermittler, seinen akupunktierkundigen Freund und die ungeheuerliche Wahrheit um die Entstehung der vermutlich berühmtesten Detektivfigur der Literaturgeschichte. Nachdem bei einem Anschlag auf Shylock Holmes dessen Frau zu Tode gekommen ist, verlässt der alternde Detektiv das Land. Seine Flucht vor geheimnisvollen, übermächtigen Gegnern führt ihn quer durch Europa, wobei Holmes unter anderem einen Zug voller Auftragsmörder, einen lobotomisierungsfreudigen Irrenarzt und ein ehrgeiziges Enthüllungsjournalistenehepaar zu überwinden hat. Während die Beziehung von Shylock Holmes und Arthur Conan Doyle auf eine schwere Probe gestellt wird, lüftet der Detektiv ganz nebenbei auch noch das Geheimnis des wirklichen Hundes von Baskerville…“ (Quelle: Krystallpalast Varieté)
Wessen Herz von Mitgliedern unserer namhaften Gesellschaft möchte bei so einem Plot nicht höher schlagen?
Im Rahmenprogramm zur Leipziger Buchmesse und dem parallel dazu verlaufenden Literaturfestival „Leipzig liest“ hatte Christian von Aster zu einer Vorlesung des ersten Kapitels seines Werkes eingeladen. Die Zeit und der Ort der Matinee waren ein Sonntag im letzten März und das ausverkaufte Krystallpalast Varieté im Herzen Leipzigs.
Ein psychedelisches, stark reduziertes Bühnenbild, wie aus einem Gemälde von Salvador Dalí gefallen, dominierte optisch die Veranstaltung. Eine geschlossene Tür im Bühnenhintergrund, stark deformierte Wolken auf Augenhöhe und ein Skelett mit roter Krawatte rundeten den visuellen Eindruck ab und nährten die Spannung auf Kommendes. Ein Tisch und zwei Stühle, wie auch ein Stehpult ließen auf zusätzliche Gäste auf der Bühne schließen.
Den musikalischen Auftakt, wie auch die Abschlüsse zu den einzelnen Akten gab der mit von Aster befreundete Musiker Jean auf einem Hackbrett. Einem Hackbrett? Jawohl, dieses zu Unrecht eher in der Volksmusik verortete Schlaginstrument, kann entschieden mehr. So verwundert es niemanden, dass unter anderem die dargebotene Titelmusik des „BBC SHERLOCK“ wie auch das Main Theme des 1949er Klassikers „Der dritte Mann“ das Publikum in die richtige Stimmung und so manche Schuhspitze zum Mitwippen brachte. Die komplette Darbietung der Shylock-Lesung vor der Pause wurde von Aster allein bestritten.
Auch für den zweiten Part vollzog er die Einleitung und übergab das Wort an meine Person, als Vertreter der Deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft. Wir hatten uns im Vorfeld über das Thema in groben Zügen abgestimmt. Es konnte von Holmes in der Schweiz, über Conan Doyle und Holmes, das viktorianische London oder allgemein über die Deutsche Sherlock-Holmes-Gesellschaft alles Mögliche beinhalten. Die von Aster auferlegte Bedingung gipfelte allerdings in der klaren Ansage: „Sie können über alles reden, außer über 15 Minuten.“ Wer mich kennt, dem ist bekannt, dass die schwerere Aufgabe in der Kürzung meiner Vorträge liegt, als im Ausbau der Länge. Vorab im Foyer ausgelegte Flyer und Aufkleber der Gesellschaft stimmten das zuströmende Publikum schon vor dem Beginn der Veranstaltung ein.
Ich habe alle Register gezogen, um unsere Gesellschaft im besten Licht erscheinen zu lassen. Das begann mit unserem demonstrativ hervorragend positionierten DSHG-Stammtischwimpel auf dem Rednerpult und erreichte mit unserem arrangierten Club-Schal im Scheinwerferlicht der Bühne beim Publikum einen starken Eindruck. Im Laufe des Vortrages kamen dann auch die Faksimile von „Beeton‘s Christmas Annual“, die „Strand“-Originalausgabe von 1891 und logischerweise der ‚obligatorische, jedoch unverzichtbare Deerstalker‘ zum Einsatz. Der Originaltext des Vortrages ist im Anhang (HIER) nachzulesen.
Nebenbei wurde in meinem Vortrag auch auf das legendäre Abendessen im Londoner Langham Hotel im August 1889 mit dem US-amerikanischen Verleger J. M. Stoddart, Arthur Conan Doyle und Oscar Wilde Bezug genommen, welches den Startschuss für „The Sign of Four“ und „Das Bildnis des Dorian Gray“ gegeben hatte.
Unabgesprochen beschäftigte sich dann mit diesem, auch inhaltlich der letzte Part der Matinee, in welcher ein Gespräch, natürlich aus der Feder von Aster, szenisch nachgestellt wurde. Zeitlich war dieser fiktiv gestaltete Gedankenaustausch einen Tag nach dem oben beschriebenen Dinner angesiedelt. Der Schauspieler Max Reeg als Oscar Wilde und Christian von Aster in der Rolle der Muse von Arthur Conan Doyle peitschten in einen Parforceritt durch die Geschichte der Kriminalliteratur, wobei nicht nur für Insider die Easter Eggs erkennbar waren. Somit wurde das Publikum am Ende erleuchtet, bspw. dass nicht Eugène François Vidocq für die Gründung der Sûreté nationale in Frankreich verantwortlich gewesen ist, warum es Edgar Allan Poe mit der Wahrheit nicht so ernst genommen hat, wer tatsächlich hinter den Whitechapel-Morden steckt, oder dass auch die zehnjährige Tochter von Clarissa Margret Miller den Einflüsterungen zu den Protagonisten ihrer zukünftigen Romane erliegen wird.
Nach rund zwei Stunden ging ein literarisch-vergnüglicher Sonntagvormittag zu Ende. Im Mittelpunkt stand, auf leichten orthografischen Neuwegen, wieder einmal der Meisterdetektiv, der nie gelebt hat – und deshalb auch nie sterben wird. Einige neue Fans werden wohl auch an diesem Tag wieder zu Sherlock Holmes gefunden haben.
– Uwe Rödel
Impressionen von der Veranstaltung








